Zustandsbilder

erstellt am: 11.08.2012 | von: margula | Kategorie(n): Allgemein, Angehörige, Geriatrie, Patient

In der Geriatrie spreche ich gerne von Zustandsbildern und verstehe darunter Symptome, Krankheits­zeichen, Leiden, Beschwerden, Empfindungen, Verhal-tensweisen, Störfaktoren oder sonstige „Kleinig­keiten“ die Patienten belasten und das Zusammenleben mit Angehörigen und Pflegepersonen erschweren, stören und manchmal sogar unmöglich machen.

Diese Komplexität ist auch der Grund, weshalb Patienten und Angehörige oft nicht genau sagen können, „wo der Schuh drückt“. Wie in anderen zwischen-menschlichen Beziehungen kann sich Unausgesprochenes aber aufstauen, irgendwann einmal plötzlich zum Ausbruch kommen und dann nicht wieder gutzumachenden Schaden anrichten.

Die folgende Auflistung will helfen präzise Formulierungen für Zustandsbilder zu finden, um sie dem Arzt mitzuteilen oder sie auch nur zu benennen, um darüber sprechen zu können.

Hier sind einige Zustandsbilder gelistet, die man in der Geriatrie häufig antrifft.

Zustandsbilder des geriatrischen Patienten (P.)

  • P. ist nicht mehr (ganz) selbstständig
  • P. ist nicht mehr ganz verlässlich
  • P. ist vergesslich
  • P. fühlt sich verfolgt/bestohlen
  • P. ist verwirrt
  • P. verlangt Mitleid
  • P. fordert rücksichtslos
  • P. ist ungerecht, ist beleidigend
  • P. ist herrschsüchtig
  • P. will immer jemanden um sich haben
  • P. übt moralischen Druck aus
  • P. hat keine Interessen mehr
  • P. ist starrköpfig
  • P. verwendet Hilfsmittel aus Eitelkeit nicht (IKP, Hörgerät, Stock)
  • P. verlangt nicht nach Hilfe
  • P. ist zu wenig aktiv, antriebslos
  • P. legt keinen Wert mehr auf Äußeres (Kleider)
  • P. stellt sich in den Mittelpunkt
  • P. nützt seine Krankheit aus
  • P. ist motorisch unruhig (Wandertrieb)
  • P. ist seelisch-geistig unruhig
  • P. ist aggressiv
  • P. schläft zu wenig / zu kurz
  • P. fragt immer dasselbe
  • kommuniziert mit Angehörigen nur über stereotype Phrasen
  • P. ist pessimistisch
  • P. ist depressiv
  • P. ist traurig
  • P. ist ängstlich
  • hat keinen Lebenswillen mehr
  • P. schläft zu viel
  • P. leidet Schmerzen
  • P. ist (noch nicht) bettlägerig
  • P. leidet unter Gefühlen wie: wird nicht mehr gebraucht,
    kann nichts mehr tun, ist zunehmend hilfsbedürftig
  • P. will zuhause versorgt werden
  • P. will Angehörigen nicht zur Last fallen
  • P. asozialisiert sich – igelt sich ein
  • P. zieht sich immer mehr zurück
  • P. trinkt zu wenig

Zustandsbilder von Angehörigen (A.)

  • A. hat eigene Probleme (gesundheitlich, familiär, beruflich)
  • A. ist berufstätig;
    kann sich bei der Arbeit nicht dauernd stören lassen
  • A. will eigene Familie nicht vernachlässigen
  • A. kann d. Pat. nicht überzeugen
  • A. ist von Gewissensbissen geplagt
  • A. hat selbst finanzielle Sorgen
  • A. kann Betreuungsaufwand nicht bezahlen
  • A. möchte Pat. nicht ins Pflegeheim geben
  • A. möchte für Pat. das Beste
  • Sorge um P. wird zum Lebensinhalt des A.
  • A. will nicht angeherrscht werden
  • A. will nicht, dass Pat. leidet
  • A. möchte dem P. alles recht machen
  • A. ist physisch u. psychisch überfordert
  • A. wird (vom P.) nicht um etwas gebeten, sondern es wird von ihm verlangt
  • P. lässt A. keinen persönlichen Freiraum mehr
  • A. wird ständig angerufen – wegen Auskunft oder Hilfe
  • A. weiß nicht ob Zustände gefährlich, harmlos od. vorübergehend sind
  • A. leidet an der Ungewissheit, die medizini­sche Entwicklungen nicht zu kennen
  • A. sah, dass Spitalsaufenthalte dem Gesamtzustand eher geschadet als genützt haben
  • A. ist durch den Pat. in der eigenen familiären Beziehung belastet
  • A. braucht praktische Tipps für Altenpflege (z. B. Hebetechnik, Produkte etc.)
  • A. möchte sich von der Betreuungsarbeit kurz erholen
  • A. braucht neben Betreuungsarbeit auch ein wenig Zeit für sich selbst
  • A. möchte beim P. mehr Aktivitäten erreichen, (Gehen, geistige Beschäftigung, soziale Treffen etc.)
  • Ohnmacht, nicht helfen zu können, belastet A.
  • A. will sich nicht vorwerfen müssen, beim Pat. etwas versäumt zu haben
  • A. möchte die Verantwortung für den Pat. mit jemandem teilen
  • einstige Autoritätsperson jetzt geistig u/o körperlich abgebaut zu sehen, macht betroffen
  • Für Vater od. Mutter entscheiden zu müssen bedeutet für A. eine Rollenumkehr

Sowohl beim geriatrischen Patient wie auch bei Angehörigen sind Übergänge zwischen verschiede­nen Symptomen fließend; es können auch mehrere Symptome nebeneinander vorkommen (z.B. De­menz mit paranoider Komponente; vom Gehirn ausgehende, muskulär oder durch Schmerz bedingte Gangstörung).

Ursachen von Zustandsbildern

Die Ursachen von Zustandsbildern sind vielfältig. So wie der geriatrische Patient nicht nur an einer Krankheit leidet, sondern multimorbid ist, so sind es meist auch mehrere Ursachen gemeinsam, die ein Zustandsbild auslösen. Bei geriatrischen Patienten können, neben organischen Gründen, auch Umwelt-bedingungen Veränderungen bewirken. Oft genügt die Einweisung in ein Spital, dass es zu völliger Verwirrtheit von geriatrischen Patienten kommt. Neben dem organischen Grund für die Spitalseinweisung, der für sich alleine schon zu geisti­ger Minderleistung geführt haben kann, sieht das Zimmer plötzlich anders aus, der geriatrische Patient ist nicht mehr alleine sondern jemand Fremder ist mit ihm im Zimmer, das Bett ist höher als zuhause, der Lichtschalter befindet sich an anderer Stelle, vertraute Stimmen sind nicht mehr da usw. usf. Solche unscheinbar anmutende Umweltverän­derungen haben oft gravierende Folgen.

Häufig besteht auch eine Wechselwirkung zwischen Befinden oder der inneren Einstellung von Ange­hörigen oder Pflegepersonal (Gereiztheit, Zeitmangel, Stress, körperliche Überforderung, fehlende Regenerationsphasen etc.) und dem Verhalten oder dem Zustand des geriatrischen Patienten.

Es ist fast nie möglich ein Zustandsbild an einer einzigen Ursache festzumachen. Deshalb ist es bei alten Menschen auch nicht damit getan, ein paar Medikamente gegen bestimmte Krankheiten zu verschreiben. Aus demselben Grund gibt es aber auch kein Schema, nach welchem behandelt werden soll/könnte – wie das eben bei einer einzelnen, mit einer bestimmten Diagnose benannten Krankheit üblich ist. Das Wissen um die Komplexität von Symptomen bei alten Menschen und deren vielfältige Ursachen macht den Unterschied zu anderen Fächern in der Medizin.

Beim alten Mensch können sich Eigenschaften – je nach ursprünglichem Charakter von Personen – in ein Extrem etwickeln oder sie zeigen sich in der Form des gegenüber liegenden Pols. Ein stets sparsam gewesener Mensch kann im Alter geizig werden aber genauso gut verschwenderisch werden im Umgang mit Geld. Deshalb können auch konträre Symptome dieselbe Ursache haben. Der eine Patient lebt seine Probleme in Aggressivität oder Herrschsucht aus, während sich der andere in sich zurückzieht und sich vor der Umwelt verschließt.

Tipp: Es gibt kein Patentrezept, wie bestimmte Zustandsbilder entstehen, wie man mit ihnen umgeht und schon gar nicht wie man ihre negativen Auswirkungen beseitigt. Oft aber ist das Erkennen und das richtige Artikulieren von Problemen ein wichtiger Schritt, um damit besser umgehen zu können.

Dr. Wilhelm Margula

Dr. Wilhelm Margula
Arzt für Allgemeinmedizin - Geriatrie
A-1010 Wien

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