Patientenverfügung erneuern

erstellt am: 04.02.2018 | von: margula | Kategorie(n): Allgemein, Angehörige, Geriatrie, Gesundheitspolitik, Patient

„Es ist nicht unbedingt erforderlich, aber sehr empfehlenswert, eine Patientenverfügung in bestimmten Zeitabständen (z.B. jährlich) zu erneuern oder zu bestätigen.“ (Quelle: BMJV.de).

wie ist die Patientenverfügung entstanden?

Betrachten wir zunächst wie die zu erneuernde Patientenverfügung entstanden ist. Neben Checklisten, Formularen und Textbausteinen findet man im Internet auch Plattformen[1], die über interaktive Interviews eine Patientenverfügung formulieren. Rasch ist ausgewählt welche lebensverlängernde Maßnahme(n) (z.B. künstliche Beatmung, Wiederbelebungsmaßnahmen, Ernährungssonde, etc.) man gewillt ist abzulehnen. Wann die Ablehnung wirksam werden soll, ist für Standardsituationen vorgegeben, wie sie auf Intensivstationen oder auf onkologischen und palliativmedizini­schen Abteilungen vorkommen. Auf mehr oder weniger die gleiche Art entstehen auch Patientenverfügungen nach ärztlicher und juristischer Beratung. Das Generieren von derart entstandenen Patientenverfügungen kann man beliebig oft wiederholen.

wann soll die Patientenverfügung wirksam werden?

Das Errichten einer Patientenverfügung ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensende. Und das Lebensende kann heute schon eine Phase von mehreren Jahren umfassen. Während die­ser letzten Lebensphase können auch Situationen auftreten, in denen ich (noch) selbst entscheiden kann und deshalb auch selbst entscheiden muss eine Maßnahme abzulehnen. Dabei geht es um Untersuchungen oder Operationen genau so, wie um die Frage: Welches meiner Medikamente würde ich weglassen, wenn ich die Entwicklung meines Zustandes ab jetzt der Natur überlassen möchte? Denn nicht nur als Wachkomapatienten oder als Sterbende sondern auch als Pflegefälle würden viele lieber sterben, anstatt durch medizinische Maßnahmen am Leben erhalten werden – wodurch ihr Leiden nur länger andauert.

Obwohl eine Patientenverfügung erst wirksam wird, wenn der Patient seinen Willen nicht mehr kundtun kann, heißt das nicht, dass sich der Verfügende beim Errichten der Patientenverfügung nur auf solch eine Situation beschränken muss – nämlich, dass der Sterbeprozess schon begonnen hat, und der Patient sich nicht mitteilen kann. Deshalb sollte ein Arzt, ein Jurist oder ein Formular nicht nur einige wenige Maßnahmen zur Auswahl stellen.

erneuern oder wiederholen?

Was bedeutet es nun eigentlich „seine Patientenverfügung erneuern“? Ist damit gemeint ein weiteres Mal seine Häkchen vor die zur Auswahl stehende(n) Maßnahme(n) zu setzen die man ablehnt, seine Unterschrift in Anwesenheit eines Notars darunter zu setzen, oder soll ein Jurist klären, ob es zur Formulierung von Patientenverfügungen eine neue Judikatur gibt? Soll diese vom Verfügenden in seiner Tragweite meist nicht verstandene Prozedur bloß wiederholt werden, damit Ärzte und Juristen einen weiteren Beweis für die Authentizität des Dokuments haben?

überdenken und überprüfen

Meines Erachtens sollte mit dem Erneuern und Bestätigen seiner Patientenverfügung einhergehen, dass der Verfügende seine ursprüngliche Entscheidung überprüft und überdenkt. So wie der Betroffene beim Erstellen seiner Patientenverfügung entschieden haben sollte, muss er auch beim Erneuern seiner Patientenverfügung überdenken, ob er gewillt ist, eine medizinische Maßnahme abzulehnen, um eine bestimmte Situation der Natur zu überlassen. Denn eine seinerzeit abgelehnte Maßnahme könnte heute – infolge weiterer medizinischer Fortschritte – eine bessere Erfolgschance haben als damals. Ebenso könnte sich die persönliche Situation geändert haben, die ihn nun zu einer anderen Entscheidung bringt oder ihn sogar dazu veranlasst, weitere – in der bisherigen Patientenverfügung noch nicht genannte – Maßnahmen abzulehnen.

wann lehne ich welche Maßnahme ab?

Aus der Vielzahl von medizinischen Möglichkeiten muss der Verfügende herausfinden ob und wann er eine bestimmte Maßnahme zulässt oder ablehnt. Sein Gefühl gibt ihm zwar eine Ahnung, aber medizinisches Wissen für die Entscheidung hat er nicht. Ideal ist es, wenn er sein subjektives Gefühl mit einem fachlich kompetent berechneten, objektiven Ergebnis vergleichen kann. Dafür dürfen von ihm aber keine medizinischen Vorkenntnisse verlangt werden.

wer wird meine Patientenverfügung umsetzen?

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die Patientenverfügung ausschließlich an Ärzte gerichtet ist, die im Spital Intensivmaßnahmen unterlassen sollen. Auch von Sanitätern kann man verlangen z. B. Wiederbelebungsmaßnahmen zu unterlassen. Und selbst Angehörige können mit einer Patientenverfügung angewiesen werden, mich nicht ins Spital zu bringen. Aber auch ich selbst kann möglicherweise derjenige sein, der den Inhalt meiner Patientenverfügung umsetzen wird.

Deshalb muss der Verfügende im nächsten Schritt überlegen ob er auch selbst bereit ist, gewisse Maßnahmen umzusetzen. Habe ich schon einmal darüber nachgedacht ob ich auch selbst tun oder unterlassen würde, was in meiner Patientenverfügung steht? Auch hier könnte ich mir wiederum die Frage stellen: Welches meiner Medikamente würde ich weglassen, um die Entwicklung meiner Situation der Natur zu überlassen und dadurch vielleicht früher sterben zu können? Oder ich frage mich: soll ich mich operieren lassen? oder will ich einer Chemotherapie zustimmen? Solche Fragen darf niemand anderer für mich entscheiden, solange ich selbst dazu in der Lage bin.

darüber sprechen

Und schließlich empfehle ich das jährliche Erneuern seiner Patientenverfügung zum Anlass zu nehmen, Wünsche und Vorstellungen zum eigenen Lebensende seinen (vorsor­gebevollmächtigten) Angehörigen zu erklären, denn diese werden einerseits dann umzusetzen haben was in der Patientenverfügung „gemeint“ war und andererseits kann es ja um Maßnahmen gehen, die der Betroffene zu unterlassen wünscht, damit er gar nicht erst auf die Schiene der „Medizinmaschinerie“ gesetzt wird. Zumindest meine nächsten Angehörigen sollen von mir gehört haben, was mir am Ende meines Lebens wichtig ist.

Willensbildung und Entscheidungsfindung, ob und wann man eine bestimmte Maßnahme zulässt oder ablehnt ist ein Prozess, der über einen langen Zeitraum geht. Ein Weg, den man gehen sollte bevor man eine Patientenverfügung errichtet aber jeweils auch wenn man seine Patientenver­fügung überprüft, erneuert oder um zusätzliche Maßnahmen erweitert.

Unterstützung bekommen, und trotzdem anonym bleiben können

Bürger brauchen für das Errichten aber auch für das Erneuern ihrer Patientenverfügung Unterstützung. Gefragt ist ein TOOL, das für jede in Frage stehende Maßnahme und für jede vom User definierte Situation ein automatisiert berechnetes Ergebnis liefert, das er mit seinem Gefühl ver­gleichen kann. Es bestärkt einen, wenn man nicht bloß nach seinem Gefühl entscheiden muss, sondern dieses auch bestätigt bekommt. Wer möchte, wird dann den Ausdruck der Berechnung mit seiner Unterschrift zur Erneuerung seiner Patientenverfügung machen.

Möchten Sie eine solche, webbasierte Anwendung kostenlos ausprobieren? Um deren Akzeptanz zu testen, habe ich für einige Zeit das von mir entwickelte PFLEGEFALLTOOL zur kostenfreien Benützung freigeschaltet. Sie müssen sich nur mit Ihrer Email-Adresse registrieren und als Code „FACULTAS“ eingeben. Das anschließende Personalisieren der Abfrage ist aus rechtlichen Gründen (Patientenverfügung) notwendig.

Es ist nie zu früh sich mit dem Thema Patientenverfügung zu beschäftigen, aber leider oft zu spät.

 

[1] www.meinePatientenverfügung.de, www.dipat.de

Dr. Wilhelm Margula

Dr. Wilhelm Margula
Arzt für Allgemeinmedizin - Geriatrie
A-1010 Wien

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