geriatrischen Patient motivieren

erstellt am: 20.08.2012 | von: margula | Kategorie(n): Allgemein, Angehörige, Geriatrie, Patient

Nicht selten findet man ältere Menschen schweigsam, zurückgezogen, sie machen den Eindruck als wären sie geistig abwesend, als könnten oder wollten sie Gesprächen in einer Gesellschaft nicht folgen, als hätten sie alle Interessen verloren oder als hätten sie gar nie irgend welche Interessen oder Hobbys gehabt. Sie signalisieren, keine neuen altersentsprechenden Aktivitäten entfalten zu wollen und sie möchten keine neuen Bekanntschaften oder Freundschaften mit Gleichaltrigen aufbauen.

Macht man ihnen den Vorwurf, nie (auch in jüngeren Jahren nicht) irgend welchen Interessen nach­gegangen zu sein, so tut man ihnen Unrecht. Oft war während des Arbeitslebens einfach keine Zeit für Hobbys, oder es wurden andere Präferenzen gesetzt, wie z. B. die Arbeit selbst, Kinder erziehen oder die Beschäftigung mit Enkelkindern. Jetzt, da sich der Alte „interessenlos“ präsentiert, sind es vielleicht Einschränkungen bedingt durch körperliche, geistige oder soziale Ursachen, die es ihm erschweren oder sogar unmöglich machen eigenen Interessen nachgehen zu können.

Wenn organische, geistige und psychische Ursachen für dieses Verhalten ausgeschlossen sind, lässt sich das „sich zurückziehen“ folgend erklären: Der alte Mensch weiß um sein Alter, seinen Gesundheitszustand und seine Restlebenserwartung Bescheid. Irgendwann beginnt er sein Leben revue passieren zu lassen und dabei Menschen, Dinge und Erlebnisse einzuordnen. Er möchte auch seine Gegenwart so gut wie möglich ordnen, um Ehepartner, Kinder, Enkelkinder, Freunde und Bekannte in seinem Verständnis richtig zu positionieren. Er weiß ja oder er ahnt zumindest, all diese Menschen früher oder später zurücklassen zu müssen. Diese Gedanken sind derart intim und persönlich, dass der alte Mensch niemanden daran teilhaben lassen möchte.

Es wäre falsch sich mit dem Alten in ein Gespräch einzulassen, das er selbst in die Richtung lenkt, aus rationalen Überlegungen heraus die Zustimmung zu bekommen das eigene Leben zu beenden. Auch noch so überzeugend klingende Argumente des Alten sind in der Diskussion möglicherweise sogar ernst gemeint, sie sind aber mit Sicherheit nicht verlässlich. „Ich hatte ein erfülltes Leben, habe gesehen wie meine Kinder und sogar die Enkelkinder beruflich da stehen – ich kann (will) schon gehen …“. Das sind keine Aufforderungen zu Euthanasie oder nach Beihilfe zum Suizid. Es sind meistens „Hilferufe“ des Alten, um ihm „vernünftig“ Klingendes von einem Außenstehenden widerlegt zu bekommen. In jedem (geistig und psychisch gesunden) Mensch ist sein (Über)Lebenswille stärker als jeder andere Gedanke. Und an diesen gilt es – selbst in solchen Gesprächen – zu appellieren.

Tipp:
Will man einen geriatrischen Patient motivieren, geschieht dies am wirkungsvollsten, wenn man sich die Zeit nimmt, ihn in Einzelgesprächen zu fordern

Dr. Wilhelm Margula

Dr. Wilhelm Margula
Arzt für Allgemeinmedizin - Geriatrie
A-1010 Wien

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