Gedanken zur österr. Hochbetagtenstudie

erstellt am: 08.05.2015 | von: margula | Kategorie(n): Allgemein, Begriffe & Spezielles, Gesundheitspolitik, Patient

Am 6.5.15 berichtet orf.at über die Fertigstellung der österreichischen Hochbetagtenstudie.

Vorweg sei den Autoren Anerkennung ausgesprochen für das mühsame Zusammentragen und Aufarbeiten unendlich vieler Daten und Zahlen. Es war auch bestimmt nicht einfach, markante Aussagen zu formulieren, die statistisch belegbar sind.

Eine ähnliche Meinung wie zu evidence based medicine und zu Statistik in der Medizin im Allgemeinen, vertrete ich auch hier.

Hört man nur die von Medien transportierten Aussagen, könnte man glauben, dass Hoch­betagte gar nicht alt sind, sondern vorwiegend jung, sportlich und glücklich sind.

Aber auch diese Aussagen finden sich in der Studie, wenn nicht direkt, dann zumindest indirekt:

  • 8,8 % der zuhause lebenden Befragten sind schon länger als 5 Jahre lang pflegebedürftig
  • Davon 11,8 % schon länger als 10 Jahre lang (S 126)
  • 74 % aller Befragten hatten kognitive Einschränkungen (Z)
  • Nur 60,1 % der zuhause Lebenden, auf Unterstützung Angewiesenen beziehen Pflegegeld (S 126)
  • Fast 50 % aller Befragten nehmen mehr als 5 Medikamente (Z)
  • Etwas mehr als 10 % schätzen den eigenen Gesundheitszustand als schlecht bis sehr schlecht ein (Z) = subjektive Gesundheit
  • 25 % haben keine Lebenszufriedenheit (Z)

Im Zeitraum, da die Studie erstellt wurde, betrug die Anzahl der 80 bis 85 jährigen in Österreich lebenden Personen ca. 217.500. Für die Studie wurden 358 Personen befragt, die zuhause bzw. in betreutem Wohnen leben und 52 Pflegeheimbewohner.

Das einzig Wichtige ist für ein Individuum, das nicht schon vor Erreichen des 80. Lebensjahres verstorben ist: mit welcher Aussage gehört es zu welcher Gruppe. Vielleicht tröstet es, nur zu Wenigen zu gehören, die schon länger als 10 Jahre lang pflegebedürftig sind. Oder es beruhigt, heute (noch?) zu den sich jung fühlenden, aktiven, Hochbetagten gerechnet zu werden.

Jeder darf sich über den Teil seines Schicksals freuen, der ihm „Gutes“ beschert und jeder muss mit dem Teil seines Schicksals selbst zu Recht kommen, der ihm Leid und Leiden beschert.

Tipp: Der Selbstbestimmung bei medizinischen Behandlungen – besonders im Alter – mehr Bedeutung beimessen (vgl. Pflegefall-Tool).

Dr. Wilhelm Margula

Dr. Wilhelm Margula
Arzt für Allgemeinmedizin - Geriatrie
A-1010 Wien

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